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Charakteristiken und definitorische Ansätze

 

Es ist nahezu unmöglich, eine allgemeingültige Definition von Komplexität zu finden. In der Literatur finden sich verschiedene Versuche, Komplexität zu definieren, und dies geschieht auch oftmals in sehr verschiedenen Zusammenhänge. Diese „Definitionsversuche“ belaufen sich jedoch meist auf die Aufzählung von Charakteristiken und Gegenbegriffen. Eine der aus unserer Sicht nachvollziehbareren Definitionen stammt von F. Reitsma und kommt aus der Systemtheorie:

„Ein System ist dann komplex, wenn das Ganze nicht durch die Untersuchung der Einzelteile erklärt werden kann"
(Reitsma 2003 S. 14, zitiert nach Cilliers 1998).
 
Komplexität des Lebens am Beispiel des Waldes (Stowe, 2012)
 
Ein Beispiel zu dieser Definition wäre ein Wald. Sieht man den Wald als System an, können die Funktionen des Waldes nicht dadurch ermittelt und verstanden werden, indem zunächst die Funktionen der einzelnen Bäume (und anderer Wald "elemente") analysiert und dann aufsummiert werden. 
 
Weitere Beispiele für Komplexität gibt Bar-Yam (2007), er bezieht sich dabei auf komplexe Systeme wie Regierungen, Familie, der menschliche Körper, das Gehirn, die Welt als Ökosystem oder das Wetter. Im Gegensatz dazu gibt der Autor auch Beispiele für einfache Systeme, wie ein Pendel oder ein drehendes Rad. Warum diese Systeme "komplex" bzw. "einfach" sind (und was "einfach" in diesem Kontext bedeutet) wird im Teil
"Allgemeine Beispiele für Komplexität" dieses Lernmoduls näher erläutert.
 
Da sich andere Definitionen stark unterscheiden bzw. in der Wissenschaft kontrovers diskutiert werden, bezieht sich dieses Lernmodul auf Charakteristiken von Komplexität. Eine große Anzahl der Autoren, welche sich mit Komplexität beschäftigen, beziehen sich auf die von Cilliers (1998) vorgegebenen Charakteristiken.


Charakteristiken von Komplexität (vereinfacht nach Cilliers (1998)):

Charakteristiken von Komplexität
 

Große Anzahl an Elementen, welche dynamisch miteinander interagieren - Je größer die Anzahl der Elemente desto größer die Komplexität (z.B.: Wetter)

Große Anzahl an Interaktionen - Je mehr Elemente in Wechselbeziehung zueinander stehen desto mehr Komplexität entsteht (z.B.: ein soziales Netzwerk)

Die Interaktionen besitzen eine kurze Reichweite, aber durch das Netzwerk an Interaktionen können sie weiter entfernte Elemente ebenso beeinflussen - z.B.: Eine Ameisenkolonie kommuniziert anhand von Duftstoffen bzw. Pheromonen miteinander. Jede Ameisen hat nur eine gewisse Reichweite mit seinen eigenen Duftstoffen, jedoch wird die Pheromonspur von den anderen Ameisen der Kolonie weitergeben.

Emergenz - viele Elemente auf einer Mikroebene ergeben eine neue Qualität auf der Makroebene (z.B.: Ein einzelner Baum wird auch nur als ein solcher betrachtet, jedoch viele Bäume auf engen Raum emergieren zu einem Wald).

Interaktionen sind nicht linear – Lineare Interaktionen (wie Zum Beispiel das schon oben genannte Beispiel des Pendels) beschreiben keine Komplexität.


Des Weiteren beschreibt Cilliers (1998) Charakteristiken von "komplexen Systemen":

  • Komplexe Systeme sind offene Systeme, die mit der Umwelt interagieren
  • Komplexe Systeme sind fern vom Gleichgewicht
  • Komplexe Systeme besitzen eine Geschichte – die Vergangenheit beeinflusst die Gegenwart und die Zukunft des Systems

Quellen:

Bar-Yam, Y. (1997): Dynamic of complex systems. Westview Press. Chapter 0.
 
Cilliers, P. (1998): Complexity and postmodernism: Understanding complex systems. Routledge, 176 pp.

Stowe, R. (2012): Complexity of life. URL: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Complexity_of_Life_(5834546811).jpg?uselang=de [zuletzt besucht am 15.05.2014].
 
Reitsma, F. (2003): A response to simplifying complexity. Geoforum 34 (1). S. 13-16.